fragen

Es ist interessant, wie inmitten dieser von vielen Menschen dunkel reflektierten Zeit einer innerlich akzeptierten und kollektiven Ohnmacht, was die persönliche Kontrolle der Vorgänge betrifft, nun gleichzeitig die großen Fragen auftauchen, wobei „groß“ hier bedeutet, dass es die einfachen Fragen sind, die man gerne, bevor sie Fragen werden, als das Selbstverständliche betrachtet. Das Selbst scheint vieles zu verstehen zu glauben, bevor es gefragt wird, oder, im besten Falle, sich selbst die einfachen Fragen stellt und gespannt auf die Antworten wartet. Was ist Liebe? Was ist Glück? Was macht der Mensch hier eigentlich auf dem Planeten? Gibt es einen Herrscher über uns alle? Bestimmt jemand meinen Weg? Bin ich frei? Was mache ich damit? Undsoweiter. Das, was Einzelne immer wieder in die Berge trieb, um selbst das Selbst zu ergründen und dadurch weltkundig zu werden und um letztendlich, wenn alles gut ging, sich an ruhiger, innerer Quelle aus dem Ganzen zu verabschieden. Es gab den sogenannten Weg, auch bei uns im Westen, vor allem vermittelt durch die Griechen (aber auch vielen anderen Philosophen) und ihre vortreffliche geistige Akrobatik in der Mühe und Meisterschaft, den hochkomplexen Darbietungen des Seins selbst die Geheimnisse abzutrotzen (abtrotzen! was für ein kraftvolles Wort!) und sie in eigene Worte und eigenes Sein zu führen. Das System, in dem wir uns vorfinden, basiert ja nicht und niemals auf einem vorgeschriebenen Grundgesetz, dem alle folgen müssen. Nein, es wird immer gemeinsam gebastelt. Allein das Habenwollen schafft unendlich viele neue Welten und Bedingungen, unter deren Joch die Wünscher zu leiden lernen, denn niemand weiß vorher, was aus all dem Gewünschten alles wird, und dass der Strom der stillen Übereinkünfte so stark werden kann, dass kein Damm und keine Bremse mehr sinnvoll erscheint. Auch bremsen kann nur, wer weiß, wo die Bremse ist. Auch Wissen wurde oft genug geheim gehalten, damit es nicht in missbräuchliche Hände fiel. Wissen ist Macht. Und Macht verführt. Es ist schrecklich und eine Ebene für sich, die Verführungen an sich selbst und anderen zu erleben, bevor man die Formeln der eigenen Befindlichkeiten verstanden und dadurch gelernt hat, dass auch in diesem Garten das Tor geöffnet bleibt. Damit sich, wie im Kepos von Epikur, die Freunde beim philosophischen Gespräch wohlfühlen können. Es gab diese Zeiten, wo viel darüber nachgedacht wurde, was der Mensch eigentlich braucht zu seinem Glück. „Glück“ ist nicht mein Lieblingswort, ich mag lieber „Wohlbefinden“. Wie soll ich das Sein wirklich wahrnehmen, wenn mir die Muße fehlt, mich darauf einzulassen? Hier sind wir schon im meditativen Feld, das sich notgedrungenerweise zu Systemen formieren musste, um lebensfähig zu bleiben. Aber da wir jetzt kein System mehr vor der Nase haben, das uns die schätzenswerten Dinge des Lebens anpreist, ohne unser Fleisch-und Datenblut dabei auszusaugen, ist es eben gut, sich die Fragen ganz einfach mal selbst zu stellen. Epikur galt bei manchen als Schlemmer, weil er keine Morallatte aufgestellt hatte gegen das Vergnügen des Daseins. Er selbst empfand es als Luxus, ab und zu Käse zu Wasser und Brot zu essen. Wobei Beispiele aus der Geschichte sich uns oft einprägen, weil sie extrem sind, uns aber anregen können zum Nachdenken.

 

 


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