gem/ein/sam

 

Der Schriftsteller Malcolm Gladwell wird mit den Worten zitiert: „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die verzweifeln, wenn sie allein sind.“ Das Photo von ihm zeigt deutlich, wie gut er die Einsamkeit kennen gelernt hat. Eindeutig hat ihn das zu dem glaubwürdigen Ton des Satzes befähigt. Bevor ich selbst von mir wissen konnte, dass ich selber so ein Mensch war, der sich in der Versunkenheit einsamer (Denk)- Prozesse auskennt und große Wertschätzung für sie hat, empfand ich sehr früh stille Räume als eine Wohltat. Ein ganz persönliches Glückgefühl, das ich heute zu nennen vermag, ist die Tatsache, dass mir die Begegnung mit mir selbst und die Lebendigkeit meiner inneren Dialoge immer so anregend und abenteuerlich vorkamen, und kann mir im Ich-Bereich nichts Schöneres vorstellen, als mir eine gute Frage zu stellen und gespannt auf die Antwort zu warten. Man lernt sich kennen, wenn man die Liebe für das Alleinsein fördert. Zum Glück ist es nicht alles, und auch das Wohltuende kann leicht zum Gefängnis werden. Vor ein paar Jahren hatte ich eine Collage an meiner Wand, auf der in großen Lettern das Wort „Gemeinsam“ stand. Eines Tages fingen die Buchstaben mal wieder meinen Blick, und ich sah erstaunt, dass „einsam“ in „gemeinsam“ eingebettet war, das kann nur der Zauber der Worte. Und ‚ein‘ ist noch drin, und ‚gemein‘, und ‚Same‘, wenn man so will. Das ist doch ein schönes Bild, wie der einsame Same sich in die Erde des Gemeinsamen pflanzt, um dort  Verzweigung, Weite und Blüte zu erfahren. Tatsächlich kommt es auf die Art und Substanz des Samens an, weshalb vermutlich Kahil Gibran in seinem Buch „Der Prophet“  auf die Bitte einer Frau, er möge über Kinder reden, den Propheten sagen ließ: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst…Und obwohl sie bei euch sind, gehören sie euch nicht…sie haben ihre eigenen Gedanken..“ Auch das macht klar, dass es förderlicher ist, die eigenen Gedanken zu kennen, als sie im Strom des Daseins unbewusst mitlaufen zu lassen. Ohne sie zu kennen und sie an sich zu nehmen, um sie dem Willkürlichen zu entziehen. Und ja, wer es von sich selbst lernen möchte ohne sie zu sein, der soll es versuchen, muss es üben, kommt nicht um die Übung herum. Kommt auch nicht weiter ohne die Anderen, denn durch die Wahrnehmung ihrer Welten erst kommt es zur Weite, auch wenn man sich in die Monade ein modernes Fenster (oder einen Bildschirm) hat einbauen lassen, bzw. selber eingebaut hat, damit die Außenwelt als reales Objekt nicht verschwindet. Wie geht das aber mit den Gedanken, wenn man von ihnen nicht beherrscht werden will, oder gar zeitweilig ohne sie sein, damit man zu tieferen Formen der Ruhe kommt? Für alles, was wir bislang vom Menschen wissen, gibt es Methoden, man muss sie nur suchen, sehen und finden. Selbst ein Bild von Krishna, dem indischen Gott der Liebe, kann anregen, wenn man sieht, wie er die Zügel des Streitwagens (wenn er mal Wagenlenker ist in einem politischen Dilemma) fest in der Hand hält, damit die sonst entfachten Triebe kein Unheil anrichten. Und in Filmen aus aller Herren Länder wird das Aufflackern der Liebe gerne dargestellt als ein automatisch agierender Trieb, der der anderen Person unbedingt sofort die Kleider vom Leib reißen muss, damit der Zuschauer gleich informiert ist, dass das nur Liebe sein kann. Man weiß dann allerdings auch schon, dass das Unheil schon hinter der nächsten Kurve lauert und alles Mögliche im Gehirn vorprogrammiert wird. Im Gemeinsamen also auch einsam, das halte ich für wesentlich, damit zumindest im weiteren Umfeld eigenes Denken nicht aus der Mode kommt.

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