{"id":9664,"date":"2020-02-11T04:49:45","date_gmt":"2020-02-11T04:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=9664"},"modified":"2020-02-11T04:49:45","modified_gmt":"2020-02-11T04:49:45","slug":"die-anbetung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=9664","title":{"rendered":"Die Anbetung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-9662\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20200208_211142-268x300.jpg\" alt=\"\" width=\"364\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20200208_211142-268x300.jpg 268w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20200208_211142.jpg 765w\" sizes=\"auto, (max-width: 364px) 100vw, 364px\" \/><\/p>\n<h5>Bevor ich nach Indien kam, kannte ich nur einen einzigen Menschen, der Yoga ernsthaft praktizierte. Es war in meiner f\u00fcnfj\u00e4hrigen Zeit im Living Theater, und wir, die wir auch wild durcheinander meditierten, bewunderten ihn oft f\u00fcr sein Schweigen und seine permanenten \u00dcbungssessions, die auch nerven konnten und eher an das Unverbundene als an das Lebendige erinnerten. Ich ahnte damals nicht, dass Gene Gordon, so hie\u00df er, so ziemlich der einzige Inder, denn er war Inder, bleiben w\u00fcrde, den ich in Indien unter Indern ernsthaft praktizieren sehen w\u00fcrde, und dem diese Praxis auf Leib und Seele geschrieben schien. Sp\u00e4ter fand ich dann die Unterscheidungen interessant, die in der Bhagavad Gita gelehrt werden (von Krishna zu Arjun), und die, sprachen sie einen an, einem gem\u00e4\u00df der eigenen Anlage Entscheidungsm\u00f6glichkeiten lie\u00dfen. Unter diesen Formen ist die beliebteste\u00a0 das Bhakti Yoga, also die Anbetung, denn sie erlaubt so\u00a0 ungef\u00e4hr jedem, teilzuhaben am rituellen G\u00f6tterreigen, ohne viel nachdenken zu m\u00fcssen oder zu wollen. Man braucht, so meint man gern, einfach nur Hingabe. Von Anfang an hatte ich eine nat\u00fcrliche Abneigung gegen diesen Weg, dem man in Indien nicht ausweichen, an dem man aber vor\u00fcbergehen kann, wenn auch oft mit R\u00fchrung im Herzen \u00fcber die Sch\u00f6nheit ihrer Gesten und ihre dem\u00fctige Hingabe an das, was sie als gr\u00f6\u00dfer und m\u00e4chtiger empfinden als sich selbst. Am schlimmsten traf es bei dieser Anziehung aber die Foreigners. Jahrelanges Trommeln und Chanten und stocksteifes Herumsitzen war die Folge, und immer r\u00fchrte etwas sehr schnell an das Unglaubw\u00fcrdige und Peinliche. Auch wir, die wir uns dem Wissen zugewandt hatten und buchst\u00e4blich Tage und N\u00e4chte (und viele Jahre) durchgeackert hatten mit Sitzen in h\u00f6chsten Anstrengungen der Konzentration, landeten irgendwann in herbem Erwachen. Nicht, dass dieses stille Sitzen jemals ein Verlust sein k\u00f6nnte, aber etwas anderes kam in die Quere, das, ich wechsle jetzt zum Ich, mich nicht mehr loslie\u00df. N\u00e4mlich genau dieses zumeditierte Ich, ganz auf westlichem Boden gewachsen, stand auf einmal mitten in der Yogasonne und warf einen Schatten. Sudhir Kakar, ein indischer Psychoanalytiker, hatte einmal in einem Artikel in der Zeit berichtet, warum Therapie in Indien schier unm\u00f6glich war, da &#8222;das Ich&#8220; keinerlei Aufmerksamkeit erhielt und das bewusste Reflektieren der pers\u00f6nlichen Geschichte, auch noch ohne G\u00f6tter, v\u00f6llig unbekannt. Wenn er in Indien \u00fcberhaupt arbeiten konnte, dann nur mit Einberaumung der G\u00f6tter. Hinter uns\u00a0 westlichen Fremdlingen aber dr\u00f6hnte, wenn wir Gl\u00fcck hatten, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unser westliches Ich mit seinen Abgr\u00fcnden und unverarbeiteten Konflikten, die offensichtlich kein Yoga und kein Meditieren wirklich an die Oberfl\u00e4che bringen konnte. Von dieser indischen Praxis aber zur\u00fcckzukehren mit Wachheit und Aufmerksamkeit, das verlangte schon einiges an neuer Versenkungs &#8211; und Erkenntniskraft. Vor einiger Zeit \u00fcberkam mich endlich die erfrischende N\u00fcchternheit, die es erm\u00f6glicht, mit einer gewissen Heiterkeit auf das Ganze zu schauen. Und genau diese heitere N\u00fcchternheit macht wiederum m\u00f6glich, zu wissen, dass z.B., der See in Wirklichkeit eine von k\u00fcnstlichen Leitungen gen\u00e4hrte Dreckbr\u00fche ist, in die ich schon sehr lange keine Hand mehr hineinhalte, dann aber auch eine glitzernde Oberfl\u00e4che, die lebensnotwendig ist, weil sehr viele Familien im Dorf von der Anbetung der Menschen abh\u00e4ngig sind, und vice versa. Deswegen wird weiterhin Wasser, Milch und Butter \u00fcber den g\u00f6ttlichen Penis gegossen, ohne dass jemand es hinterfragt, weil das Ich des Gie\u00dfenden noch keine Ahnung hat von der eigenen Wirklichkeit und ihrem Potential, sich in alle vorstellbaren Weiten auszudehnen, dann aber auch das pers\u00f6nliche Ich und seinen gewebten Teppich nicht aus den Augen zu verlieren, damit der Kern der Sache nicht verloren geht.<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor ich nach Indien kam, kannte ich nur einen einzigen Menschen, der Yoga ernsthaft praktizierte. 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