{"id":6808,"date":"2019-01-12T05:03:26","date_gmt":"2019-01-12T05:03:26","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=6808"},"modified":"2019-01-13T03:20:42","modified_gmt":"2019-01-13T03:20:42","slug":"6808","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=6808","title":{"rendered":"Menschen getroffen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6810\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190111_0908581-300x290.png\" alt=\"\" width=\"399\" height=\"386\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190111_0908581-300x290.png 300w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190111_0908581-768x742.png 768w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190111_0908581.png 989w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/p>\n<h5>Gestern abend fiel mir das Gedicht bzw der Teil eines Gedichtes von Gottfried Benn ein, das zu den paar Gedichten von ihm geh\u00f6rt, die m.E. erlesene\u00a0 Sch\u00f6pfungen bezeugen, durch die man mit Dankbarkeit erf\u00fcllt wird: dass man teilnehmen durfte und kann an ihnen. Ich habe das Gedicht mal fr\u00fcher mit einiger M\u00fche auswendig gelernt,\u00a0 es heisst &#8222;Ich habe Menschen getroffen&#8220;, und es ist der zweite Teil, den ich erinnert habe, wo er von den Menschen spricht, die mit Eltern und Geschwistern in einer Stube aufwuchsen, &#8222;nachts, die Finger in den Ohren am K\u00fcchentisch lernten, \u00e4u\u00dferlich sch\u00f6n und ladylike wie Gr\u00e4finnen, und innerlich sanft und flei\u00dfig wie Nausikaa die reine Stirn der Engel trugen. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sch\u00f6ne und das Gute kommt, wei\u00df es auch heute nicht und muss nun gehen.&#8220; Hier in Indien habe ich \u00fcber die Jahre auch noch keinen K\u00fcchentisch gesehen, an dem die Kinder sitzen k\u00f6nnen. Sie sitzen meist auf dem Boden, und all meine Reden um die Notwendigkeit einer 100 Watt Gl\u00fchbirne herum waren vergeblich. Ich kenne auch nur e i n Beispiel einer reinen Stirn. Lali, die ich seit ihrer Kindheit kenne, hat f\u00fcr meine Vorstellungskraft das schier Unvorstellbare durchwandert. Eine gr\u00e4ssliche, von der gef\u00fchllosen Mutter arrangierte Ehe mit einem Irren, der sich vor zwei Jahren umgebracht hat, als sie zum Gl\u00fcck schon lange von ihm getrennt lebte, weil er ihre gemeinsamen Kinder sexuell bel\u00e4stigt hat. Ihr \u00e4ltester Bruder ist an Alkohol gestorben, der zweite ist von Jugend auf ein Junkie, der dritte ist handlungsunf\u00e4hig, eine wandelnde Schlaftablette. Da sitzt sie, Lali, mit mir beim Chaitrinken am Abend, als mir das Gedicht einfiel. Ich hatte mich ja selbst gefragt &#8222;was tun&#8220; im Angesicht des Schrecklichen, au\u00dfer den Schrecken zuzulassen und die eigene Ohnmacht wahrzunehmen und zu akzeptieren. An der scheinbaren Ausweglosigkeit von Lalis Schicksal kann ich sehen, wie viel Spielraum es trotzdem noch gibt. Hier sitzt ein Mensch, der durch innere Unbeirrbarkeit dem eigenen Wesen gegen\u00fcber eine W\u00fcrde erlangt hat, die nur von innerer Haltung gen\u00e4hrt wird. Wir sprechen dar\u00fcber, wie es gelingen kann, das vorhandene Leid nicht auszublenden, und doch vor allem darauf zu achten, den inneren Zustand wesensgerecht zu halten, weil er ganz eindeutig der einzig verl\u00e4ssliche Stabilisator ist. Wird man einmal aufmerksam auf das Leid und den Schrecken, kann man leicht \u00fcberw\u00e4ltigt werden, wem hilft das. Selbst wenn ich das Los der Tiere zu lange verinnerliche, ergreift mich eine Dunkelheit, von der ich mich entweder l\u00f6sen muss, oder einer ernsthaften Verpflichtung im Kontext dieser Not nachgehen. Da komme ich immer wieder zur\u00fcck zu diesem Punkt: wenn wir es uns erm\u00f6glichen, das zu tun und das zu leben, was unserem innersten Wesen entspricht, dann kann man sagen: das ist, was ich tun kann. Mein Beitrag zum Weltgeschehen, das ich in meiner Zeit durchwandere, mag mir zuweilen ziemlich d\u00fcrftig vorkommen. Aber gemessen an empfundenem, innerem Reichtum und der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten eines menschlichen Aufenthaltes und der Willigkeit, von den Besten zu lernen, die sich ernsthaft darum bem\u00fcht haben und bem\u00fchen, nun ja, das kann so viel Schaden nicht anrichten. Und wo auch immer es sein mag, wo \u00fcber eigenes Bewusstsein weniger Schaden angerichtet wird, da entsteht Spiel-Raum. Wichtig, so wesentlich: der st\u00f6rungsfreie und gewaltfreie Raum.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern abend fiel mir das Gedicht bzw der Teil eines Gedichtes von Gottfried Benn ein, das zu den paar Gedichten von ihm geh\u00f6rt, die m.E. erlesene\u00a0 Sch\u00f6pfungen bezeugen, durch die man mit Dankbarkeit erf\u00fcllt wird: dass man teilnehmen durfte und kann an ihnen. Ich habe das Gedicht mal fr\u00fcher mit einiger M\u00fche auswendig gelernt,\u00a0 es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6808","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6808"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6808\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6823,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6808\/revisions\/6823"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}