{"id":5402,"date":"2018-06-03T05:18:35","date_gmt":"2018-06-03T05:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=5402"},"modified":"2018-06-03T05:19:52","modified_gmt":"2018-06-03T05:19:52","slug":"siegfried-lenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=5402","title":{"rendered":"Siegfried Lenz"},"content":{"rendered":"<div><\/div>\n<div class=\"irc_mimg irc_hic ih6KwZ4QDyKs-lvVgf-rIiHk\"><a class=\"irc_mil i3597 ih6KwZ4QDyKs-zixyDjKkw5M\" tabindex=\"0\" href=\"https:\/\/www.t-online.de\/unterhaltung\/id_70904696\/siegfried-lenz-ist-gestorben-mit-deutschstunde-zum-welterfolg.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-noload=\"\" data-ved=\"2ahUKEwi59oTz3LbbAhUQLFAKHUa1DTgQjRx6BAgBEAU\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"irc_mi\" src=\"https:\/\/bilder.t-online.de\/b\/71\/31\/16\/48\/id_71311648\/610\/tid_da\/siegfried-lenz-wurde-88-jahre-alt-.jpg\" alt=\"Bildergebnis f\u00fcr Siegfried Lenz\" width=\"466\" height=\"262\" \/><\/a><\/div>\n<div><\/div>\n<h1><\/h1>\n<div>\n<h4>Das h\u00e4tte ein Grieche zur Zeit des\u00a0<a href=\"http:\/\/\/thema\/platon\" data-saferedirecturl=\"https:\/\/www.google.com\/url?hl=en&amp;q=http:\/\/\/thema\/platon&amp;source=gmail&amp;ust=1528089069509000&amp;usg=AFQjCNFnbYWek-eaTmrHQCYGO69gT3JVlg\">Platon<\/a>\u00a0h\u00f6ren m\u00fcssen, ein Mann im antiken Rom oder ein florentinischer Zeitgenosse der erlesenen Medici: Man h\u00e4tte ihnen einmal sagen sollen, da\u00df unser Leben durch Arbeit geadelt, vers\u00fc\u00dft oder sogar geheiligt werde; man h\u00e4tte ihnen gegen\u00fcber behaupten sollen, da\u00df der Inbegriff des menschlichen Lebens in der Leistungssteigerung liege \u2013 ich f\u00fcrchte, all die kulturbegabten und kulturstolzen Leute von einst h\u00e4tte es geschaudert. Sie w\u00e4ren in Versuchung gekommen, diese Ansicht f\u00fcr eine krankhafte Besessenheit zu halten, eine Form undiskutabler Verr\u00fccktheit. Generationen aufgekl\u00e4rter und produktiver M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger h\u00e4tten durch nichts tiefer erschreckt werden k\u00f6nnen als durch die heute sprichw\u00f6rtliche Behauptung, nach der Arbeit unser Leben vers\u00fc\u00dft. Denn sie ma\u00dfen das Niveau einer Kultur unter anderem auch daran, wie hoch die Mu\u00dfe, das aktive Nichtstun, eingesch\u00e4tzt wurde.<\/h4>\n<h4>Galt es einst als Zeichen von Urbanit\u00e4t, von Lebensmeisterschaft, wenn man seine Mu\u00dfe hervorkehren und sie gleichsam als Gewinn \u201eausstellen\u201c konnte, so gilt es heute als zeitgem\u00e4\u00df, wenn man sich auf seine Arbeitslast beruft, seine Arbeitswut hervorkehrt. Niemand wird \u00fcbersehen, wie gen\u00fcsslich \u00fcberbeanspruchte Leute von ihrer Ersch\u00f6pfung reden. Die Leute haben nicht mehr ihre Arbeit, sondern die Arbeit hat sie, und je h\u00e4rter und heftiger man schuftet, desto gr\u00f6\u00dfer sind oftmals die Genugtuungen. In gewissen Kreisen wird denn auch \u00fcber den Herzinfarkt gesprochen, als handle es sich um einen Ritterschlag, um die Aufnahmegeb\u00fchr in einen Orden der Rastlosen, der entschlossen ist, sich der Arbeit zu opfern. Wir haben wirklich keinen Grund, \u00fcber Stachanow zu l\u00e4cheln; Stachanow ist bereits in uns, er ist eine Schl\u00fcsselfigur dieser Epoche, sein Name l\u00e4\u00dft sich auch amerikanisieren.<\/h4>\n<h4>Weil die Arbeitswut eine weitgehend internationale Erscheinung ist und ohne R\u00fccksicht auf politische Systeme besteht, darum ist eine Verteidigung des M\u00fc\u00dfiggangs heutzutage bereits ein m\u00fc\u00dfiges Unternehmen: Es ist verschwendet, es muss wirkungslos bleiben \u2013 eine Feststellung \u00fcbrigens, die nur von einem Mann getroffen werden kann, der seinerseits von der Arbeit besessen ist.<\/h4>\n<h4>Denn nat\u00fcrlich wird ein leidenschaftlicher M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger nicht nach Wirkung und Zweck fragen, nach kalkuliertem Nutzen, vielmehr wird er sich gerade f\u00fcr das erkl\u00e4ren, was ihm verschwendet erscheint, er wird das M\u00fc\u00dfige als das einzig Sch\u00e4tzenswerte ansehen. Und das bezeichnet nun auch die Qualit\u00e4t seines \u201eTuns\u201c. Es ist nicht blinde Gesch\u00e4ftigkeit, die nur die Zeit f\u00fcllt oder an einem Zweck gemessen wird, sondern sch\u00f6pferische Nichtarbeit, produktives Tr\u00e4umen, eben: M\u00fc\u00dfiggang.<\/h4>\n<h4>Das hat keineswegs etwas mit Faulheit zu tun. Faulheit im einfachsten Sinne ist zun\u00e4chst nichts anderes als die tatenlose, ermattete Freiheit von der Arbeit: Man lebt ohne Kraft zur Entscheidung wie Oblomow, bis man von sanftem Schlagfluss heimgesucht wird. Dem M\u00fc\u00dfiggang hingegen liegt eine definitive Entscheidung zugrunde: Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein. Somit ist M\u00fc\u00dfiggang alles andere als eine Ermattung des Geistes. Der verst\u00e4ndige M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu bet\u00e4uben, da er es durchaus bei sich selbst aush\u00e4lt. Pascals Bemerkung, dass \u201ealle Leiden des Menschen daher kommen, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann\u201c, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das \u00fcberzeugende Geschenk des M\u00fc\u00dfiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gew\u00e4hrt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlass wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlussfolgerungen gelangen: Der M\u00fc\u00dfiggang wird zu einem aufregenden Zustand.<\/h4>\n<h4>Wenn Oblomow seufzt: \u201eMan schl\u00e4ft, man schl\u00e4ft, und hat nicht mal Zeit, sich zu erholen\u201c, dann ist damit doch gesagt, da\u00df der wahre M\u00fc\u00dfiggang nicht in den Daunen bet\u00e4tigt werden kann. Der Kenner wird immer darauf aus sein, sozusagen in der Welt m\u00fc\u00dfig zu gehen: An Fl\u00fcssen und in Kneipen, auf Beh\u00f6rden und belebten Stra\u00dfen, \u00fcberall dort, wo anscheinend etwas geschieht. Ausger\u00fcstet mit besonderen M\u00f6glichkeiten der Wahrnehmung, wird der M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger das, was geschieht, in seiner Art befragen und durchschauen, vor allen Dingen aber dem gesch\u00e4ftigen Leerlauf ein Beispiel geben: Ein Beispiel n\u00e4mlich f\u00fcr den R\u00fcckfall in die Weile. Der \u00dcberfluss an Zeit, an Weile, ist der sichtbarste Reichtum des M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngers, und indem er ihn zeigt, macht er auch schon unser Verlangen nach Kurzweil fragw\u00fcrdig. Aber dieser ganz bestimmte \u00dcberfluss ist es auch, der eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kultur gespielt hat.<\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das h\u00e4tte ein Grieche zur Zeit des\u00a0Platon\u00a0h\u00f6ren m\u00fcssen, ein Mann im antiken Rom oder ein florentinischer Zeitgenosse der erlesenen Medici: Man h\u00e4tte ihnen einmal sagen sollen, da\u00df unser Leben durch Arbeit geadelt, vers\u00fc\u00dft oder sogar geheiligt werde; man h\u00e4tte ihnen gegen\u00fcber behaupten sollen, da\u00df der Inbegriff des menschlichen Lebens in der Leistungssteigerung liege \u2013 ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5402","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5402"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5402\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5404,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5402\/revisions\/5404"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}