{"id":3643,"date":"2017-09-13T08:34:26","date_gmt":"2017-09-13T08:34:26","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=3643"},"modified":"2017-09-13T18:28:13","modified_gmt":"2017-09-13T18:28:13","slug":"unfassbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=3643","title":{"rendered":"unfassbar"},"content":{"rendered":"<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3644\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/20170913_091929-169x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/20170913_091929-169x300.jpg 169w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/20170913_091929-768x1365.jpg 768w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/20170913_091929-576x1024.jpg 576w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/20170913_091929.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/h5>\n<h5>Als mir klar wurde nach der unausweichbaren Nachricht von Beate Zsch\u00e4pes Verurteilung zu lebenslanger Haft, dass es nie wirklich dazu kam, dass ich tiefsch\u00fcrfendes Interesse an diesem langatmigen Gruseldrama entwickeln konnte, und habe heute zum ersten Mal mit Freunden dar\u00fcber gesprochen. Wie war das so f\u00fcr Euch, wollte ich wissen. Mir kam es\u00a0 vor, als w\u00e4re ich selbst gar nicht in Deutschland gewesen, und es stimmt, zu der Zeit verbrachte ich schon die H\u00e4lfte des Jahres in Asien, und meine politischen Einstellungen, soweit schon vorhanden, waren in den Sechzigern etwas versandet, oder hatten v\u00f6llig andere Richtungen und scheinbar grenzenloses Neuland vor Augen. Vor allem, wenn genug Leute derart erz\u00fcrnt sind \u00fcber ihre Lebenssituation und keine M\u00f6glichkeiten sehen, selbst darin etwas zu gestalten, bl\u00fchen extreme Formen des Umbruchs hervor. Zuerst haben die Gedankengruppierungen keine Namen. Die einen m\u00fcssen sich vor der Polizei h\u00fcten, weil sie Cannabis rauchen oder andere Drogen nehmen, die anderen reiben sich auf miteinander und m\u00fcssen etwas gemeinsam im Schilde f\u00fchren, das dann im schlechtesten Fall zum Morden f\u00fchrt, wenn ihre Vorstellung von Gerechtigkeit sich nicht durchsetzen kann. Wenn wirklich geschadet und gemordet wird, nimmt das Ganze h\u00e4ssliche Formen an, und man sollte sein Gehirn nicht unn\u00f6tig damit besch\u00e4ftigen, wenn man \u00e4hnliche Ph\u00e4nomene schon einmal reflektiert hat. Nicht immer f\u00fchren die Wurzeln eines gesellschaftlichen Zur\u00fcckgeworfenseins ins Nichtige in B\u00fcndnisse, die terroristische Handlungen als angebrachte Antwort auf das durch ihre Augen Gesehene wahrnehmen. Aber, wenn ich mit Verlaub nochmal Sokrates mit einem ihm zugeschriebenen Gedanken nennen darf, so wundert es schon, dass so viele bereit waren und sind, mit sich selbst als M\u00f6rder das weitere Leben zu verbringen. Und dass &#8222;Liebe der Verzicht auf Mord&#8220; ist, f\u00e4llt mir auch noch dazu ein. Es sollen ja viele Liebende auch gemordet haben, aber kann man sich Mord wirklich als Liebe vorstellen, oder geschieht nicht eher vor dem Morden etwas mit den Gef\u00fchlen, was zuerst nicht auff\u00e4llt, sich aber immer mehr zeigt? Es wird ja noch stets mal ger\u00e4tselt, wie vor allem die f\u00fchrenden M\u00f6rdergehirne im Dritten Reich gerne sehr liebvoll abgelichtet wurden: &#8222;Seht, seht!, ich bin kein Ungeheuer, sondern tue das Angemessene. Auch im Umkreis von Zsch\u00e4pe wurde vermutlich gel\u00e4chelt, auch wenn ich staunen kann, wie unsympathisch diese Frau auf mich gewirkt hat. Vielleicht kann s o totale Gef\u00fchllosigkeit aussehen, ein pers\u00f6nliches Zulassen von K\u00e4lte, ein Sich-einrichten im Hass als einem Wohnort, der einem immer angenehmer vorkommt, da man sich als eigenen Feind nie erkannt hat. Schon damals also: raus mit den Fremden! Und da sitzt sie nun, die lebenslang Inhaftierte, f\u00fcr alle nur noch die Verk\u00f6rperung des Feindlichen und Fremden und nicht mehr Erreichbaren, sich selbst und damit allen gegen\u00fcber menschlich erkaltet. Bei solchen Prozessen wird ja viel \u00f6ffentlich nachgedacht und kommentiert, einfach weil sich viele Berufst\u00e4tige um das Unfassbare k\u00fcmmern m\u00fcssen, das nicht gel\u00f6st werden kann und auch diesmal nicht wurde. Auch die F\u00e4higkeit, sich in die Gehirne Anderer hinein versetzen zu k\u00f6nnen, hat eindeutig seine Grenzen. Schweigen kann ja auch sehr beredt sein. Es kann gut sein f\u00fcr den Schweigenden, und es kann schaden. Aber was hei\u00dft schaden? Was h\u00e4tte man besser verstehen k\u00f6nnen, h\u00e4tte sie geredet? Das hat bestimmt auch so manchen beruflich Gerechten hochkochen lassen, der sich f\u00fcr beherrschter hielt: dass da jemand sitzt, die vermutlich alles wei\u00df, was gerne gewusst werden w\u00fcrde, und sie hat eben diese Route gew\u00e4hlt. Die Nebentussi hat man ihr nicht abgenommen. Man kann so ein Spiel nur bedingt lange aufrecht erhalten. Aber wenn man gutes Spiel gar nicht kennengelernt hat? Oder sich nicht daf\u00fcr entscheiden konnte? Und was ist gutes Spiel? Auf der anderen Seite des sogenannten B\u00f6sen, banal und erb\u00e4rmlich und kleinkariert, wie es immer noch scheint, habe ich ganz \u00e4hnliche Verschlossenheiten gesehen, n\u00e4mlich da, wo das Erh\u00f6hte geheiligt wird. Das liegt sehr nahe beieinander, und in jedem Klub, an jedem Stammtisch, in jedem Familienkreis, in jeder religi\u00f6sen Vereinigung usw. kann man die Spuren dieser gef\u00e4hrlichen Wege sehen. Missbrauch und Mord und leise Verurteilung des einem nicht vertraut Vorkommenden richten sich ein in den Korridoren der Welt, als w\u00e4re die totale Abschreckung des Unmenschlichen nie geschehen. Immer war sie da. Und da ist sie noch immer. Daher, egal von welcher Richtung und von welchem Gerichtssaal man kommt, man st\u00f6\u00dft auf Delphi. Eben: Delphi ist \u00fcberall.<\/h5>\n<p>Das Bild wollte ich schon mal in den Papierkorb werfen, aber heute passt es ganz gut, finde ich. Es f\u00e4ngt einen Hauch vom unfassbar Schrecklichen ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als mir klar wurde nach der unausweichbaren Nachricht von Beate Zsch\u00e4pes Verurteilung zu lebenslanger Haft, dass es nie wirklich dazu kam, dass ich tiefsch\u00fcrfendes Interesse an diesem langatmigen Gruseldrama entwickeln konnte, und habe heute zum ersten Mal mit Freunden dar\u00fcber gesprochen. Wie war das so f\u00fcr Euch, wollte ich wissen. Mir kam es\u00a0 vor, als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3643"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3653,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3643\/revisions\/3653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/yoganauten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}