{"id":16742,"date":"2023-01-03T06:10:39","date_gmt":"2023-01-03T06:10:39","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=16742"},"modified":"2023-01-04T08:12:11","modified_gmt":"2023-01-04T08:12:11","slug":"bezeugen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=16742","title":{"rendered":"bezeugen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-16743\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/20230102_171439-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/20230102_171439-300x225.jpg 300w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/20230102_171439-768x576.jpg 768w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/20230102_171439-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<h5>Am Nachmittag ging ich zu meiner Lieblingstreppe mit den uralten Steinen. Vor ein paar Jahren gab es sie noch rund um den See, bis alle nach und nach ausgerissen wurden und ersetzt durch neue, blasspinke Zerbrechlichkeit, den Affenhorden und ihrem zerst\u00f6rerischen Spieldrang gewidmet.\u00a0 Zwei Bewohner(innen)\u00a0 der k\u00f6niglich gebauten H\u00e4user m\u00fcssen sich gewehrt haben, so auch hier, wo ich sa\u00df. Es gab Momente meines Aufenthaltes, da f\u00fcrchtete ich fast, ich liebte nur die Steine so sehr, wie ich sie lieben konnte, aber es war zum Gl\u00fcck nur in diesen Momenten wahr. Ich liebe sie noch immer, und Worte wie &#8222;Treppen&#8220; und &#8222;S\u00e4ulen&#8220; und (ja!) &#8222;Tempel&#8220; und sanft ummauerte &#8222;G\u00e4rten&#8220; k\u00f6nnen kleinere und gr\u00f6\u00dfere Wellen von Ekstase in mir ausl\u00f6sen, denn mein Geist hat sich niedergelassen im unzerst\u00f6rbaren Gl\u00fcck dessen, was der Mensch\u00a0 sehen und f\u00fchlen und wahrnehmen kann von dem, was seines und ihresgleichen selbst geschaffen haben: das Sch\u00f6ne und das Gute, zumindest als vorherrschende Impulse. Solcherma\u00dfen dehnte sich mein Wohlbefinden aus, als eine junge indische Frau auf mich zukam und mich bat, ein Photo von ihr zu machen. Klaro, mach ich doch gerne. Sie setzte sich in Pose, sch\u00fcrzte die Lippen und zeigte mir an, wann ich nach oben und nach unten gehen sollte mit ihrem Smartphone. Bei einem Bild blieb es nat\u00fcrlich nicht, sie war nicht ganz zufrieden mit ihrem Aussehen, ich meine, mit ihrem Selfie-Image, das offensichtlich einen ganz extremen Anspruch erhebt auf die Performance. Nach jeder meiner Verrenkungsleistungen schaute sie kritisch auf das Bild, dann klickte es gute f\u00fcnfzig Mal, und das Bild war 50 Mal irgendwo bei jemandem angekommen. Irgendwann verschwand sie, kam aber zur\u00fcck mit zwei Freunden, einem Mann und einer Frau so um die Zwanzig herum (die Keimzellen der Zukunft!). Zu nah und zu aufdringlich dr\u00e4ngten sie um mich herum und wollten Photos mit mir zusammen. Da war nicht das geringste Interesse an menschlichem Zusammentreffen zu sp\u00fcren. Da wollte es, und kannte nur dieses neue Wollen, das f\u00fcr sie\u00a0 Seltsame, das zuf\u00e4llig herumsa\u00df, auch drinnen zu haben in der Maschine und zum tausendfach bereits vorhandenen Schmollmund dazuzuf\u00fcgen. Urfernen der Fremdheit, K\u00e4lte des Herzens. Die Aufdringlichkeit irritierte mich, wir bekamen Angst voreinander. Das geistlose Wollen sa\u00df als Zwerg zwischen uns und hatte nicht einmal die Kraft, sich zu verabschieden. Ich versetzte sie wie durch Zauberhand in die Fassungslosigkeit durch meine Weigerung, mich mit ihnen zusammen photographieren zu lassen. Ja, ich habe das auch schon zugelassen in harmloseren Augenblicken. Aber das hier war zwanghaft. Ich bat sie, sich woanders hinzusetzen, und die Stimmung w\u00e4lzte sich dumm kichernd und gef\u00e4hrlich an der B\u00f6sartigkeit entlang. Meine Steinliebe wankte ins Bedeutungslose. Hier war Menschsein am Versagen, ich hatte nicht den richtigen Zugang gefunden. Tats\u00e4chlich betrachte ich etwas besorgt diese pl\u00f6tzliche und leidenschaftliche Neigung zur Oberfl\u00e4che, die auch mit &#8222;Jugend&#8220; nicht zu erkl\u00e4ren ist. Es fasziniert mich auch, diesen vor allem in Indien gerade stattfindende Sturz von der Aufgehobenheit der G\u00f6tterwelten kopf\u00fcber hinein in die Wollust des Habenwollens zu bezeugen. Da breitet sich nun der schwarze Asphalt \u00fcber der Sch\u00f6nheit und Beweglichkeit des W\u00fcstensandes aus, doch der Sand kehrt zur\u00fcck in den Augen, der Dunst, der Nebel, das nicht mehr Gesehene. Da mein Wohlbefinden eh vorbei war und eine ungute Szene eine Weile an einem kleben bleibt, schaute ich ab und zu hin\u00fcber zu den Dreien, die sich unentwegt, ohne jemals was anderes zu machen, gegenseitig photographierten. Das Thema ist \u00f6de, ich wei\u00df, wir wissen ja alle, was l\u00e4uft, wir kennen unseren eigenen Trieb zu den Abh\u00e4ngigkeiten. Doch es gibt ihn, diesen Gong, der auf das Verblassen des menschlichen Verhaltens aufmerksam macht, und ich denke, es ist nie umsonst, sich immer mal wieder auf das Wesentliche zu besinnen, auf unser Wesen, zart und verletzlich, wie es nun mal ist, und auf das Wesen der anderen, ebenfalls irgendwo tief drinnen zart und verletzlich. Ich wei\u00df, ich h\u00e4tte einen Zugang zu ihnen finden k\u00f6nnen, aber ich war gest\u00f6rt, weil ich es nicht leiden kann, wenn Menschen es zulassen, Angst voreinander zu haben, dabei haben sie vielleicht Grund genug dazu.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Nachmittag ging ich zu meiner Lieblingstreppe mit den uralten Steinen. 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