{"id":11392,"date":"2020-10-03T08:46:58","date_gmt":"2020-10-03T08:46:58","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=11392"},"modified":"2020-10-05T08:44:39","modified_gmt":"2020-10-05T08:44:39","slug":"mauerfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=11392","title":{"rendered":"Mauerfall"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-11393\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/20201003_094712-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/20201003_094712-300x298.jpg 300w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/20201003_094712-150x150.jpg 150w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/20201003_094712-768x762.jpg 768w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/20201003_094712.jpg 842w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/p>\n<h5>Der Nachbar fragte an, ob er den Rasen m\u00e4hen k\u00f6nne, am Samstag. Wahrscheinlich wusste er bereits, dass es ein Feiertag werden wird, sowas vergisst man ja leicht, obwohl man es ahnen k\u00f6nnte, denn es ist ja schon Oktober, der dritte Oktober. Der Begriff\u00a0 &#8218;Einheit&#8216; bewegt sich nicht so leichtf\u00fc\u00dfig im \u00f6ffentlichen Raum, und man wei\u00df ja nicht, ob er, der Begriff, in den Familien gern gesehener Gast ist. Kein mickriger Anspruch, die Einheit, und wohl verdient, wenn sie durch so tiefes Entgegenstreben geboren wurde, aus so einem dunkel empfundenen Anrecht auf das Leben selbst, als sich selbst also, unterwegs mit dem eigenen Leben zu sein, wer m\u00f6chte das nicht, denkt man so vor sich hin. Ein paar Tage nach dem Mauerfall war ich auch dort mit einem Freund, der Berliner ist. Ich mochte es immer, dass ich Berlinerin bin, jeder wei\u00df doch, dat wir wat Besonderes sind. Kein gebildeter Inder, der nicht gl\u00fccklich w\u00e4re, in Berlin zu landen. \u00dcberhaupt w\u00e4re gern jede\/r mal zumindest in Berlin gewesen, und wer partout nicht kommt, wen k\u00fcmmert&#8217;s. Damals, als ich in Berlin aufgewachsen bin, gab es noch den Paragraphen 175, Homosexualit\u00e4t war strafbar, und vor allem\u00a0 viele M\u00e4nner verlie\u00dfen ihre Alibi-Beziehungen, um in extra daf\u00fcr eingerichteten Bars ihre Geliebten zu treffen. Ich lebte in einem Haus direkt an der Mauer, beziehungsweise war es da ein hoher Zonen-Zaun, und dahinter ein Wachturm, von dem aus man manchmal die Beatles singen h\u00f6rte, vermutlich aus den Transistorradios junger Scharfsch\u00fctzen. Immer wieder gab es Geschichten von Mauer\u00fcberquerern und toten K\u00f6rpern von Menschen, deren Abenteuer zu Ende war. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, was hinter dieser Mauer ablief, wer konnte es schon. Einerseits liefen noch die M\u00f6rder herum, andrerseit wehte ein Wind, der wollte weiter gehen. Genau wie bei den Fridays for Future VerfechterInnen wollten wir, oder muss ich jetzt ich sagen, wollte hinaus oder hinein in mein eigenes Leben. Erst viel sp\u00e4ter sp\u00fcrte ich auch in mir das Raunen des kollektiven Unbewussten, und die eigenen Fragen wurden laut nach dem &#8218;Was ist da geschehen&#8216;. Sp\u00e4ter traf ich mit Mitgliedern des Living Theater mit Helene Weigel zusammen. Soweit ich mich erinnere, ging es um die Rechte auf die deutsche \u00dcbersetzung von &#8218;Antigone&#8216;, bevor die Proben zu diesem St\u00fcck begannen.\u00a0 Balladen von Brecht und seine Lieder flossen durch mein Blut. Dann war ich weg. Ex oriente lux. Ich begann, mich in einem anderen Osten zu bewegen, einer Welt ohne Schussl\u00f6cher und zu vielen frischen Wunden, vielleicht wirkte es heilend, obwohl das gar nicht mein Anliegen war. Als wir nach der Mauer\u00f6ffnung gemeinsam die ge\u00f6ffnete Stra\u00dfe entlanggingen, wurde innen etwas ganz stumm. Es war, als w\u00e4re der Krieg grad zu Ende gegangen und Waffenruhe sei endlich eingekehrt, Dieser Osten und dieser Westen, das wissen wir ja jetzt, wie sehr die Menschen nicht in derselben Welt lebten. Bei manchen, die ich aus Ostdeutschland getroffen habe, konnte ich eine tiefe Art von Menschlichkeit sp\u00fcren, gepaart mit einem Misstrauen gegen &#8218;offenes&#8216; Sprechen, so als w\u00e4ren die F\u00fchler immer auf der Suche nach den Gefahren der Gehirnw\u00e4sche, was verst\u00e4ndlich ist, aber nicht immer zu angenehmen Begegnungen f\u00fchrt. Man geht ja gemeinsam durch etwas, was noch keiner vorgelebt hat. Immerhin ist eine Mauer gefallen und hat unendlich viel erm\u00f6glicht, was vorher nicht m\u00f6glich war. Entsetzen und Freude konnten sich vertiefen und k\u00f6nnen das weiterhin tun. Wenn man sie zul\u00e4sst.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nachbar fragte an, ob er den Rasen m\u00e4hen k\u00f6nne, am Samstag. Wahrscheinlich wusste er bereits, dass es ein Feiertag werden wird, sowas vergisst man ja leicht, obwohl man es ahnen k\u00f6nnte, denn es ist ja schon Oktober, der dritte Oktober. 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