{"id":10391,"date":"2020-05-25T08:41:15","date_gmt":"2020-05-25T08:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=10391"},"modified":"2020-05-25T08:48:57","modified_gmt":"2020-05-25T08:48:57","slug":"systemrelevant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yoganauten.de\/?p=10391","title":{"rendered":"systemrelevant"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-10392\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200524_180208-295x300.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"366\" srcset=\"https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200524_180208-295x300.jpg 295w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200524_180208-768x780.jpg 768w, https:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200524_180208.jpg 891w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<h5>Immer mal wieder tauchen im Sprachgebrauch eines Landes neue Worte auf, die entweder pl\u00f6tzlich durch Umst\u00e4nde ins Licht der Aufmerksamkeit r\u00fccken, oder leicht missverst\u00e4ndliche Modesch\u00f6pfungen sind wie &#8222;geil&#8220; zum Beispiel, wo man sich fragen konnte, wie weit wohl der Weg war zur Deutung von &#8222;prima&#8220;. Dann wieder waren Neuheiten wie &#8218;Lockerungsdiskussionsorgien&#8220; aus dem Mund der Kanzlerin erheiternd (wenn man es so empfand), und kurz danach kann man die &#8218;Diskussion&#8216; als Mitte dieses Wortes schon weglassen, denn Phase II n\u00e4hert sich seinem nat\u00fcrlichen Ende, und die Lockerungsorgie an sich tritt in Erscheinung, und vielerorts werden auch Masken-und Distanzma\u00dfmahmen gelockert werden, wodurch eine neue Angstwelle zu erwarten ist bei denen, die das \u00e4ngstigt. In Phase II, jetzt immer entlang der Corona Dampferfahrt, hatte man ja die au\u00dfergew\u00f6hnliche Gelegenheit, mit so ziemlich jedem Menschen, den man traf oder mit dem man \u00fcber das Netz kommunizierte, eine Menge durchkontemplieren zu k\u00f6nnen, und ja, das Neue: dass mal keiner es besser wusste als der andere, und man somit an das Fenster der eigenen Monade zwar nicht gebunden war, aber doch angeregt durch das Welttreiben, gefiltert durch einen Virusauftritt. So viel unerwartetes Menschenwerk kam zum Zug, und wie viel Erleichterung liegt nun auch in den letzten Lockerungen, wie ein Zirkusartist es in den Nachrichten ausdr\u00fcckte: gut, die Leute sa\u00dfen im Autokino, aber sie, die Truppe, performte live, und wie gl\u00fccklich er klang, wieder zum Geruch von Manege und Puder zur\u00fcckzukehren, zusammen mit den anderen Kollegen. &#8218;Systemrelevantes&#8216; Gl\u00fcck, kann man das sagen? Noch nie habe ich das Wort so oft geh\u00f6rt oder gelesen wie zur Zeit und wollte mal schauen, was es mir sagt. Es bedeutet ja einfach, dass etwas f\u00fcr ein System bedeutsam ist. W\u00e4hrend der Krise aber ist es aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden in den Sprachgebrauch ger\u00fcckt, weil es Unternehmen gibt (wie Lufthansa usw), bei deren Wirtschaftskraft es sich ein Staat nicht leisten kann, sie scheitern zu lassen. Also eine Art systemrelevantes Sklavenverh\u00e4ltnis, dessen durchtriebener Bedeutsamkeit sich auch der kleine Bauer (auf dem Schachbrett) nicht entziehen kann. So hat nat\u00fcrlich auch jede\/r B\u00fcrgerIn die potentielle geistige Freiheit, sich von einem Wort angesprochen zu f\u00fchlen und es unter frischen Bedingungen in die pers\u00f6nliche Schatztruhe zu legen, oder ab damit in die inneren Archive, wo durch regelm\u00e4\u00dfige Entstaubung darauf vertraut werden kann, dass die Worte sich melden, wenn man nach ihnen sucht oder sie ruft. Finden kann man sie nat\u00fcrlich nur, wenn man sie wirklich in sich aufgenommen hat, die poetisch w\u00e4rmenden und erweckenden, die durch dunkle Gewichte erschreckenden, die stockn\u00fcchtern wohltuenden, die, die zuweilen die Tiefe des Wesens erreichen k\u00f6nnen, wo etwa der verzweifelte Ruf einen Anderen herbeiholt, der oder die sich mit menschlichen Tonarten auskennt\u00a0 und sie unter g\u00fcnstigen Bedingungen f\u00fcr einen in eine bedeutsame Resonanz bringen kann, da n\u00e4mlich, wo man alleine nicht kann. Und dann: hat es uns das Virus und seine vielf\u00e4ltige Wirkung nicht erm\u00f6glicht, etwas n\u00e4her, eben s o nah, wie wir k\u00f6nnen, an unser eigenes System heranzur\u00fccken, oder auch von innen her auf es zu schauen, um vielleicht zu bemerken, wie ganz und gar irrelevant so manches Welttreiben auch f\u00fcr uns selbst ist, und dass das Tr\u00f6pfchen Wahrheit der Anderen nicht immer ausreicht, um den eigenen Ozean in gutem Schuss zu halten, also auf die unauff\u00e4lligen aber systemgef\u00e4hrdenden\u00a0 Plastikteilchen, vor allem die ganz winzigen, achten, damit der Grund des\/r Wesen\/s nicht v\u00f6llig zerst\u00f6rt, beziehungsweise fremdbestimmt wird.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mal wieder tauchen im Sprachgebrauch eines Landes neue Worte auf, die entweder pl\u00f6tzlich durch Umst\u00e4nde ins Licht der Aufmerksamkeit r\u00fccken, oder leicht missverst\u00e4ndliche Modesch\u00f6pfungen sind wie &#8222;geil&#8220; zum Beispiel, wo man sich fragen konnte, wie weit wohl der Weg war zur Deutung von &#8222;prima&#8220;. 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