{"id":6896,"date":"2019-01-23T03:28:52","date_gmt":"2019-01-23T03:28:52","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=6896"},"modified":"2019-01-23T03:44:01","modified_gmt":"2019-01-23T03:44:01","slug":"erschuettern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=6896","title":{"rendered":"ersch\u00fcttern"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6897\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190119_1703011-289x300.jpg\" alt=\"\" width=\"372\" height=\"386\" srcset=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190119_1703011-289x300.jpg 289w, http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190119_1703011-768x798.jpg 768w, http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/20190119_1703011.jpg 961w\" sizes=\"auto, (max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/>\u00a0*<\/p>\n<h5>Dass Indien einen u.a. regelm\u00e4\u00dfig tief ersch\u00fcttert, liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass sich so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann oder bislang nicht vorstellen konnte, vor einem abspielt. Abspielen ist hier das entsprechende Wort, denn es passt zum indischen Konzept des &#8222;Gro\u00dfen Spiels&#8220;, Maha Lila, mit dem man das dramatische Treiben des Menschenstromes einigerma\u00dfen fassbar machen kann. Es gef\u00e4llt mir pers\u00f6nlich besser als &#8222;Baghwan ka Lila&#8220;, also das &#8222;Spiel Gottes&#8220;, wo man dem Unsichtbaren das ganze Spektakel aufb\u00fcrdet, so als h\u00e4tte Er\/Sie\/Es nichts Besseres auf dem Spielplan als das, was sich auf dem Planeten generell darbietet &#8211; abgesehen davon, dass man auch oft genug in tiefes Staunen verfallen kann ob der vorhandenen Sch\u00f6nheit und ihrem ebenso t\u00e4glich verf\u00fcgbaren Glanz. Aber es ist auch kein Zweifel, dass ich in einer deutschen Stadt z.B., wenn ich mich mal aus irgendwelchen Gr\u00fcnden dort vorfinde, mich zumindest auf den ersten Blick unter Aucheinkaufenden vorfinde, die mit T\u00fcten und Taschen very busy hin-und hergehen, so als h\u00e4tte das Leben vor allem L\u00e4den zu bieten, durch die man sein Innenleben erweitern kann. Die indischen Stra\u00dfen, gef\u00fcrchtet und belebt von allen, kann man nur das nackte Dasein nennen. Nichts bleibt einem erspart an vor\u00fcbergleitendem Prunk und offen sichtlicher Grausamkeit. Nun hatte ich gestern dieses Erlebnis. Ich stand bei OmJi, dem einzigen und ehrenwerten Pakoraverk\u00e4ufer, von dessen R\u00e4derwagen ich manchmal Pakoras zu Lali mitnehme, die wir dann bei Chai zu uns nehmen. Ich warte da also ein bisschen, bis sie sch\u00f6n dunkel gebrutzelt sind, dann die gr\u00fcne So\u00dfe dazu mit einem Schuss Zitrone. Da sehe ich gegen\u00fcber ein groteskes Gesch\u00f6pf sein Unwesen treiben, w\u00e4hrend die Umstehenden emotionslos darauf starren. Das Wesen fuchtelt irre mit einem B\u00fcschel aus Pfauenfedern herum, und langsam fokussiert sich mein Blick und ich denke&#8230;.das ist doch&#8230;Ich frage OmJi, aber der starrt ins Leere und schweigt wie einst sein Vater. Ich gehe hin\u00fcber zum n\u00e4chstbesten Brahmanen, die immer alles wissen und sage&#8230;das ist doch nicht Mukesh&#8230;??? Doch, er ist es. Der Angesprochene erkl\u00e4rt mir, dass Mukesh jetzt so viel Heroin nimmt, dass er nicht mehr zu Sinnen kommt, was Lali mit ihrem eigenen Begriff &#8222;out of human&#8220; nennt, da auch ihr Bruder im Junk verloren ging. Alle betrachten, wie gesagt, emotionslos das letzte Kapitel dieses Lebens, und ich gehe ersch\u00fcttert weiter. Ich kenne seine Geschichte. Er ist schwul und hatte jahrelang einen Liebhaber aus Canada, bis ihn die Familie gezwungen hat zu heiraten. Man kann schon sagen, dass die beiden M\u00e4nner durch Abscheu permanent gequ\u00e4lt wurden, dann war Mukesh allein mit dem, was man hier gerne als heilbares Leiden sieht. Dann bin ich zu seinem Bruder, einem Priester. Warum holt ihr ihn da nicht raus, frage ich, er ist doch noch jung. Der sch\u00fcttelt m\u00fcde den Kopf und erkl\u00e4rt, wieviel schon getan und gelitten und nun aufgegeben wurde. (Nur nicht sein gelassen). Nachdenklich sitze ich bei Lali. Sie erz\u00e4hlt mir, dass Mukesh zwei Kinder hat und seine Frau irgendeiner schrecklichen Arbeit von T\u00fcr zu T\u00fcr nachgeht, um ihre Kinder durchzubringen. Ich habe gelernt, das Gef\u00fchl der Ohnmacht als wesentlich zu empfinden. Was ich gef\u00e4hrlich finde, ist die Gef\u00fchllosigkeit, die sich in diesem Drama gerne anbietet, weil so ziemlich alle von der Realit\u00e4t ihres Schicksals \u00fcberfordert sind. Was allerdings mir die Teilnahme an und die Distanz zu diesen Schicksalen schenkt ist die dringende Notwendigkeit, f\u00fcr sich selbst eine innere Ausgleichung zu finden, die weder ertarrt ist noch in zu gro\u00dfer Bereitschaft, sich permanent an den Geschichten aufzureiben. Man muss die Ohnmacht aushalten k\u00f6nnen, vor allem aber die Liebe nicht verlieren. Ich danke dem Land und allen Wesen, die sich darin bewegen, dass ich immer noch teilhaben kann am Lernprozess dieser Kunst, aus deren lebendiger Quelle vermutlich alle meditativen Ideen entsprungen sind. Vielleicht erscheinem einem diese exportierten Lehren im Westen deshalb so k\u00fcnstlich und bedenklich in ihrer imaginierten Wirksamkeit.<\/h5>\n<p>Die Illustration ist aus der Times.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0* Dass Indien einen u.a. regelm\u00e4\u00dfig tief ersch\u00fcttert, liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass sich so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann oder bislang nicht vorstellen konnte, vor einem abspielt. 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