{"id":14377,"date":"2021-10-08T08:32:57","date_gmt":"2021-10-08T08:32:57","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=14377"},"modified":"2021-10-08T08:37:29","modified_gmt":"2021-10-08T08:37:29","slug":"das-kiew","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=14377","title":{"rendered":"Das Kiew"},"content":{"rendered":"<h6>\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-14382\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/20211007_154829-300x293.jpg\" alt=\"\" width=\"349\" height=\"341\" srcset=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/20211007_154829-300x293.jpg 300w, http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/20211007_154829-768x751.jpg 768w, http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/20211007_154829-1024x1001.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 349px) 100vw, 349px\" \/><br \/>\nCrowd-gesourcte Radikalisierung *<\/h6>\n<h5><\/h5>\n<h5>Frank-Walter Steinmeier hielt also diese Rede in Kiew, die ich nicht direkt geh\u00f6rt, aber dann nachgelesen habe. Ich geh\u00f6re auch noch zu diesen ber\u00fcchtigten Jahrg\u00e4ngen, in denen Dinge geschehen sind, die schwer bis unm\u00f6glich zu fassen sind. Steinmeiers Rede beginnt mit Worten eines Dichters, denen man zuweilen zutraut, doch noch Worte zu finden f\u00fcr das, was einem vom wortlosen Grauen her anstarren kann. &#8222;\u00dcber Babyn Jar&#8220;, sagte der Dichter Jewgenij Jewtuschenko, &#8222;da redet der Wildwuchs, das Gras. Das Schweigen rings schreit. Ich nehme die M\u00fctze vom Kopf; ich f\u00fchle, ich werde grau. Und bin &#8211; bin selbst ein einziger Schrei ohne Stimme. Nichts, keine Faser in mir, vergisst das je!&#8220; Die Menschen in Kiew glaubten, sie werden umgesiedelt, und das hatte schon ein unheimliches Schweigen verursacht. Dann wurden sie aber zu einer Grube gef\u00fchrt, mussten sich nackt ausziehen und sich auf die bereits Toten legen, um alle erschossen zu werden. 33 771 (offensichtlich gez\u00e4hlte K\u00f6rper) wurden in zwei Tagen erschossen. Das sind erst ein paar Jahre her, ein einziges Menschenleben. Ich war sehr jung, als ich Deutschland verlassen habe, dem Ruf meines eigenen Abenteuers folgend. Erst viel sp\u00e4ter begann das Uns\u00e4gliche, das in diesem Land geschehen war, seine Wirkung auf mich auszu\u00fcben. Ich \u00f6ffnete ein Tor, eine Bereitschaft, mich einzulassen auf das, was in meiner M\u00f6glichkeit stand. In der Zwischenzeit wissen wir, dass nur das, was unser eigenes Sein in einer von uns ausgeloteten Tiefe erreicht, auch eine Wirkung auf unser menschliches Verhalten aus\u00fcben kann. Aber was ist tief, und wie komme ich dort hin? So ist es meistens das Grauen, das durchsickern kann durch die Widerst\u00e4nde gegen die Erkenntnis, dass Menschen zu einem Ausma\u00df entgleisen k\u00f6nnen, das man nicht f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, weil es das eigene Fassungsverm\u00f6gen strapaziert. Und doch wissen wir auch, wie diese willigen M\u00f6rderh\u00e4nde liebevoll \u00fcber Kinderk\u00f6pfe streichen konnten und k\u00f6nnen. Da weist die Realit\u00e4t, in der Menschen sich bewegen, bereits einen un\u00fcberbr\u00fcckbaren Abgrund auf. Wie und wodurch kommt es zu diesem Blick, der sich weigert, einen anderen Menschen als einen Menschen zu betrachten, dessen Leben einem weniger wert erscheint als das eigene. Wie kommt es zu\u00a0 einem Gehirn, das sich erm\u00f6glicht hat, so zu denken, dass Vernichtung als logische Folgerung erscheint. Nun hat uns der Prozess um Eichmann ja gelehrt, dass man unter der Bet\u00e4ubung des Grauens auch einschlafen kann. Das wurde jedenfalls als extremste Reaktion auf Eichmanns &#8222;normales&#8220; Pflichtbewusstsein wahrgenommen, dem es auch sp\u00e4ter nicht in den Sinn kam, sich betroffen zu f\u00fchlen. Auch heutzutage zeigt es sich noch, dass man f\u00fcr eine Gehirnw\u00e4sche auch bereit oder geeignet sein muss. Und was wird da \u00fcberhaupt gewaschen? Vielleicht war gar keine eigene Substanz zum Waschen und Ummodeln da, sondern ein attraktives Gift tr\u00e4ufelte langsam aber sicher in die Leere und nahm dort Stellung ein, auf einmal bedacht mit Titeln und Aufgaben und einem Hunger nach Bedeutsamkeit gen\u00fcgend, die das ganz Kleine ganz gro\u00df macht. Es geht dann wohl weiterhin so &#8222;banal&#8220; zu, wie man es sich nicht vorstellen m\u00f6chte. Und wie damals, so gehen auch heute wieder die neuen Braunen in die Schule, k\u00f6nnen lesen und schreiben, daran liegt&#8217;s also wohl nicht. Woran es liegt, wei\u00df man immer noch nicht. Und wer hat schon die ganze Unterwelt in sich selbst durchwandert, hat auf den unbeleuchteten Korridoren die von Spinnweben versperrten Zug\u00e4nge ge\u00f6ffnet. Und wo hat man dort noch eine funktionierende Laterne, die einen nicht im Stich l\u00e4sst, wenn alle Stecker versagen?<\/h5>\n<h6><\/h6>\n<h6>*Der Begriff stammt aus einem Artikel der &#8222;Zeit&#8220;.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Crowd-gesourcte Radikalisierung * Frank-Walter Steinmeier hielt also diese Rede in Kiew, die ich nicht direkt geh\u00f6rt, aber dann nachgelesen habe. Ich geh\u00f6re auch noch zu diesen ber\u00fcchtigten Jahrg\u00e4ngen, in denen Dinge geschehen sind, die schwer bis unm\u00f6glich zu fassen sind. 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