{"id":11773,"date":"2020-11-17T09:16:57","date_gmt":"2020-11-17T09:16:57","guid":{"rendered":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=11773"},"modified":"2020-11-17T09:18:21","modified_gmt":"2020-11-17T09:18:21","slug":"trauern-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/yoganauten.de\/?p=11773","title":{"rendered":"trauern"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-11774\" src=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20201117_070330-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"302\" height=\"392\" srcset=\"http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20201117_070330-231x300.jpg 231w, http:\/\/yoganauten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20201117_070330.jpg 427w\" sizes=\"auto, (max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><\/p>\n<h5>Die erste Mail kam sehr fr\u00fch am Morgen aus Indien mit der Botschaft, dass Om Prakash, der Mann, den man im Bild sieht, im Krankenhaus von &#8218;uns&#8216; gegangen ist, wenn ich es mal so sagen kann. Seine Enkelin hatte mir erst gestern versichert, er w\u00fcrde bald nach Hause kommen und es ginge ihm schon besser. Er wurde nach einem positiven Virus -Test eingeliefert, hatte dann eine Lungenentz\u00fcndung und ist wohl vor ein paar Stunden an einem Herzinfarkt gestorben, um 3 Uhr fr\u00fch am indischen Dienstag, als bei uns noch sp\u00e4ter Montagabend war. Ach, was f\u00fcr\u00a0 ein Verlust, f\u00fcr einen Moment konnte ich mir Indien ohne ihn gar nicht vorstellen. Jahrelang hatte ich mir angew\u00f6hnt, ihn beim Vor\u00fcbergehen an seiner T\u00fcr zu gr\u00fc\u00dfen, weil die meisten Vor\u00fcbergehenden ihn freundlich gr\u00fc\u00dften und ich fand es auch sch\u00f6n, ihn zu gr\u00fc\u00dfen. Das indische Kastensystem hat ja schon immer zu viel kontroverser Diskussion angeregt, aber ebenso, wie es die stolzen K\u00f6nige unter den Rajputs gab und den gerissenen H\u00e4ndler, und dann die schrecklichen G\u00e4nge nach unten in die Vorh\u00f6lle oder tats\u00e4chlich die Unterwelt der Unber\u00fchrbaren, so gab es eben auch den klassischen Brahmanen, der unter einem extrem hohen Anspruch lebte, den in meiner Zeit dort kaum mehr einer erf\u00fcllen konnte. Denn es erforderte gewisse moralische Ma\u00dfst\u00e4be daf\u00fcr, eine klare Entscheidung, sich haupts\u00e4chlich mit geistigen Dingen zu besch\u00e4ftigen, und eine Erwartungshaltung der Gesellschaft, dass diese Praktiken auch sichtbar werden sollten im Alltag. Insofern geh\u00f6rte Om Prakash zu einer aussterbenden Art, und ich pers\u00f6nlich kannte nur noch einen einzigen anderen Menschen, der sein Leben auf der H\u00f6he dieses Anspruchs verbrachte, und der letztes Jahr, auch pl\u00f6tzlich und unerwartet, gestorben war. Dann wurde mir auf einmal vor ein paar Jahren durch eine freundschaftliche Verbindung das Haus am See angeboten f\u00fcr meinen Aufenthalt dort, was ein wunderbares Mittendrin in der indischen Gesellschaft erm\u00f6glichte, und eine N\u00e4he zu der Familie von Om Prakash, denn es war ihr Haus. So traf ich ihn weiterhin t\u00e4glich bei meiner R\u00fcckkehr vom See, und immer stand er da vor dem Haus oder sa\u00df manchmal in einem Stuhl und kommunizierte mit sehr vielen Menschen. Ich freute mich immer auf diese Momente, denn er hatte eine bemerkenswerte Gelassenheit erreicht und sein offener und kluger Geist garantierte und generierte stets ein Wohlgef\u00fchl. Im indischen Familiensystem ist man an einem bestimmten Punkt, wenn alle Lebensaufgaben gut erledigt wurden, wieder ein freier Mann oder eine freie Frau und kann, wenn man kann, tats\u00e4chlich machen, was man m\u00f6chte, zum Beispiel reisen oder heilige B\u00fccher lesen (wenn man das als freies Tun betrachtet). Manchmal hatte ich auch den Eindruck, er konnte es drinnen beim strengen Erbsenpuhlen nicht so gut aushalten, und der Gutheitszwang kann durchaus zu Erstarrungen f\u00fchren. Am Abend kam ich \u00f6fters mal herein in die Familie, sa\u00df einen Moment, um mich meistens mit ihm zu unterhalten, denn der Rest der Familie starrte wie \u00fcberall bereits auf die Abendprogramme des Fernsehers, und irgendwie passte Fernsehen nicht ganz zu ihm. Aber jeder wei\u00df ja, wie lang Abende im Winter sein k\u00f6nnen, und meistens hatten er und seine Frau ein \u00d6fchen mit gl\u00fchenden Spiraldr\u00e4hten zwischen sich stehen. Sie kannten sich so gut, dass es wenig Worte brauchte, aber vielleicht waren sie auch ausgegangen. Als Shriya, seine Enkelin, mich vorgestern vom Krankenhaus aus anrief und fragte, ob ich mit ihm oder besser zu ihm sprechen wollte, habe ich das getan und irgendwas, was mir einfiel, zu ihm gesagt. Er hat auch was gesagt, aber ich konnte es nicht verstehen. Jetzt ist er nicht mehr da. Ich habe dieses eine Bild (oben) von ihm gehabt, das mir sein Sohn mal geschickt hat. Diese Gitterst\u00e4be am Haus sehen jetzt f\u00fcr mich aus wie Trauerr\u00e4nder an einer Todesnachricht. Mir helfen die Worte zu sp\u00fcren, wie tieftraurig ich bin, und was f\u00fcr ein Verlust so ein Mensch im eigenen Leben sein kann.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Mail kam sehr fr\u00fch am Morgen aus Indien mit der Botschaft, dass Om Prakash, der Mann, den man im Bild sieht, im Krankenhaus von &#8218;uns&#8216; gegangen ist, wenn ich es mal so sagen kann. 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