ausgleichen

Ständig müssen wir ausgleichen, balancieren, das Gleichgewicht halten oder wieder herstellen. Es ist auch eine Art Selbstkorrektur. Heute früh habe ich mich dabei ertappt, dass ich einem extrem laut schnarchenden Gast zwei Zimmer weiter innerlich empfohlen habe, mal beim Arzt nachschauen zu lassen und war dabei, über das Schnarchen nachzudenken. Meine Erfahrung damit reicht aber nicht aus, um es halbwegs interessant zu machen. In der Meditaionsausbildung war es eine der düsteren Erfahrungen, wenn man mit einer laut schnarchenden Person in einer Räumlichkeit gefangen war und gerade trainierte, die Kraft der Gedanken zu verstehen, anstatt mit Agressionsanfällen zu kämpfen…aber muss darüber nachgedacht werden? Nein! Das fiel mir zum Glück auf.
Etwas später hörte ich von dort fröhliches Lachen und Singen. Was hätte ich nicht alles anrichten können in einem unüberlegten Augenblick! Oder am See die Gruppe, an der ich vorbeiging und hörte, wie einer immer „Jai Ganesh!“ vorsang, und alle „Jai Ganesh!“ hinterher. Klar kann ich mich immer noch wundern, wie einst in der bereits Staub ansetzenden Anekdote mit Dayanand, dem Schullehrer, der sich über mich ärgern musste, weil ich ihm aus purem Übermut fragte, wie groß denn seiner Meinung nach Ganesh war, als er auf der Erde herumlief, und Dayanand sich gezwungen sah zu zeigen, dass er natürlich so groß war wie wir Menschen, und dass ich d a s nicht wüsste, wo ich doch schon sooo lange hier bin. Statdessen singe ich heute früh, im Hintergrund die Gruppe, Manish ein fröhliches „Jai Ganesh“ zu, er singt zurück, und schon ist gute Stimmung. Es gibt Tage, da muss man mehr ausgleichen als an anderen. Das durch innere Zustände ausgelöste und verlagerte Kommentieren ist nutzlos. Die präzise Konzentration auf das Denken hilfreich. Gestern habe ich Ashish noch gefragt, wer Shiva für ihn ganz persönlich ist. Es dauerte eine Weile, bis klar wurde, dass keine Datei zu finden war. Shiva ist halt ein Gott, fing er dann an….aber seine Familie seien ja Vaishnavs, also Followers von Vishnu.
Das beantwortet zwar nicht meine Frage, aber irgendwo schon. Das ist eine ganz andere Welt, sagt es, andere Sitten, anderes Denken, andere Rituale, andere Symbole auf der Stirn, anderes Denken, andere Tempel.
Da unten sucht der Brahmane am Rand des Wasserbeckens entlang mit den Augen wieder nach Münzen, die Pilger manchmal ins Wasser werfen. Dann sieht er einen Mönch und gibt ihm einen 10-Rupien Schein. Was will ich sagen? Eigentlich will ich selbst in der Tiefe verstehen, wie einerseits vieles so interessant und anregend ist von den Menschen und ihren Ideen und ihren Wegen zu sein, mir andrerseits aber das Verstehen von mir selbst als das Wesentliche erscheint. Das hat was mit Gedanken zu tun, die man auch lassen kann, bzw auch zu lernen, wie man sie lassen kann, will man das Seiende ohne eigene Kommentare und Projektionen erleben. Was bleibt, ist der Blick, der zurückgenommene Blick, der in sich selbst ruht. Etwas sieht sich. Etwas sagt sich. Es sagt nein!, als eine Gruppe indischer Touristen mal wieder ein Gruppenselfiebild mit mir machen will. Es könnte ebenso gut „ja“ sein, no difference. Es geht mehr um Stimmiges und Angebrachtes als um Wahrheitsgehalte. Aber immer ausgleichen, ja! Hinter mir und vor mir rasen gerade Affen hin und her, von Hunden gejagt. Wachsam sein!
Dann steigt auf einmal schmerzhafte Säure aus meinem Magen auf und wandert hoch. Ich kenne das, es kann richtig peinigend werden. Zitrone!, fällt mir ein. Der Sadhu, der in der Nähe sein Lager hat, hat keine Zitrone, aber ein ayurvedisches Mittel gegen Magensäure! Ich esse sofort eine Tablette und 5 Minuten später ist alles wieder in Ordnung. Auf diesem Weg über die Erfahrungen hat die Zurücknahme der Gedanken für mich einen großen Reiz, eben weil der Blick frei wird und Entsprechendes zulassen kann. Beides ist wichtig, auch das bewusste, kreative, philosophische usw Denken. Aber eben auch schön: Dieses stille Einhalten an der Schwelle zwischen drinnen und draußen. Diese Konzentration darauf, nicht zu senden und nicht zu empfangen. Nur da sein. Kein Denken, also bin ich.


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