klären

Gestern waren wir eingeladen zu einer Feier, an der ungefähr 30 Menschen teilnahmen. Niemand trug Maske, keiner achtete auf Abstand, das Wort ‚Corona‘ fiel zumindest in meiner Erfahrung nicht. Es war genau wie ‚vorher‘, zumindest täuschend ähnlich, nur hatten sich natürlich alle automatisch irgendwie verändert, aber das kann man ja meistens nicht sehen, und wieweit körperliche Veränderungen auf das Innere schließen lassen. Man weiß selten, warum und in welcher Verfassung Menschen an etwas teilnehmen und hat immer nur den momentanen Augenblick zur Verfügung, in dem man sich selbst aufhält und in dem man sich genauso verhält, wie man im Moment gestrickt ist. Meistens erzählen sich Menschen, die irgendwo zusammenkommen, etwas, und mir scheint, als würde es den meisten nicht um die Qualität des Gespräches gehen bei solchen Anlässen, sondern um das Zusammensein an sich und was jeweils daraus entstehen kann. Auch in einem öffentlichen Stadtgarten gruppiert sich auf fließende Weise das Nähergesinnte zusammen und steht mit anderen Gruppierungen herum. Es ist meist ziemlich laut, weil die meisten reden. Wo viele Menschen zusammen herumsitzen und – stehen, rauscht das Wort so vor sich hin, man hat sich ja nicht dafür getroffen. Ist es eine persönliche Einladung, taucht die Frage, wozu man sich getroffen hat, nicht auf. Man trifft auf den Freundeskreis der Einladenden und bringt die Offenheit und die Bereitschaft des Erlebens mit. Ich bemerkte, dass es nicht immer angebracht ist, nach den Möglichkeiten Ausschau zu halten, wo die Offenheit sich etwas vertiefen kann. Eine Frau, die ich seit vielen Jahren aus den Augen und dem Sinn verloren hatte, berührte mich mit der Erzählung ihrer Scheidung, bei der der Scheidungsbeamte sie empörte mit der Aussage, die Ehe sei ja nun gescheitert. Wie kann man die jahrelange Bemühung um einen Menschen und das Miteinander ein Scheitern nennen. Worte können so gleichgültig sein und so bedeutsam im Kontext eigener Wahrnehmungen. Ein Mann erzählte mir fast eine Stunde lang von Ereignissen, von denen er glaubte, an ihnen teilgenommen zu haben, aber er kam in keinem vor, deswegen war die Geschichte endlos, weil er nirgends vorkam. Im alltäglichen Gebrauch vergisst man das Wunder der Sprache, und dass wir so leicht den Eindruck hinterlassen können, dass wir verstehen, was jemand sagt, oder denken, jemand hat verstanden, was wir sagen. Natürlich ist es schön, wenn man Worte findet für das, was man wirklich sagen möchte, aber man muss sich schon um sie bemühen, damit man sie auch findet. Die, die einem was sagen, und die, die man nicht mehr sagen möchte, und die, die man noch lernen möchte und dem Wortschatz hinzufügen. In jedem Lehrbereich gibt es Worte, mit denen Außenstehende nicht in Kontakt kommen, obwohl ich mich gerade erinnere, wie erstaunt ich mal vor vielen Jahren war, als ich hörte, dass zerriebene Schweineborsten das Knusprige auf Brötchen sein können, so einen Kontext kann man nicht selber herstellen. Auch Schweigen ist in Gesellschaft nicht angebracht, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass viele Menschen sich mit ihrer Wortlosigkeit in gesellschaftlichen Raunen der Worte wohlfühlen. Oder es gibt ein Programm, das alle in ein natürliches Miteinander führt, Musik oder Tanz oder Alkohol, was auch immer uns Menschen anspricht.Ich fasse ja mein eigenes Thema damit noch nicht und wandere selbst im Labyrinth des sprachlosen Raumes herum. Einmal, als ich entspannt auf einem Stuhl saß, konnte ich nicht mehr nach links schauen, weil dort drei Smartphone-Kameras auf die Szene gerichtet waren. Ich hatte kein Interesse daran, mitbelichtet zu werden und kommunizierte es der Frau, die meinte, ok, sie würde uns verschonen, was ich als Wort krass, aber angebracht fand. Ja eben, was war mit mir los, das muss ich noch klären.

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