enträtseln

Es ist durchaus angebracht, das viel diskutierte ‚Bewusstsein‘ auch eine Rasierklinge zu nennen, also man zuweilen in dieser Amtsausübung sehr stark gefordert ist zu unterscheiden zwischen etwas, was zu wissen ist, und dem anderen, was auch zu wissen ist. So kann man (z.B.) Elon Musk als einen genialen Spieler auf dem Feld des Vielversprechenden sehen, als einen mit Drogen zugepumpten Verzweifelten, oder als einen Dämonenkönig, der der Schüpfung an sich die Stirn bietet. Doch was ist noch zu erringen, wenn niemand mehr da ist, mit dem man sich messen kann bei einer Runde Schach. Das Rasiereklingenspiel ist uralt. Immer mal wieder musste und muss weiterhin, wenn auch oft schmerzhaft, das Eine von Anderem getrennt werden. Es ist nicht unklug, dem Gegenspieler mitunter Respekt zu zollen. D.h., solange noch Respekt, Toleranz und Knowhow eine Rolle spielen und nicht durch finstere Mächte ausgehebelt werden. Innerer und äußerer Kampf setzt sich in Bewegung. An allen Denkorten wird mächtig gegrübelt. Niemand gibt auf. Überall Helden und Heldinnen in Aktion, verkleidet als einfache Bürger und Bürgerinnen. Erinnerungen werden angestoßen von Verlorenem, vielleicht letztendlich doch nur von einem selbst. Dass man es durch den unendlich tiefen Humor des sich selbst Schöpfenden villeicht erahnen kann, dass der Schicksalsweg dieser Spezie Mensch mit Entfernung und Nähe zu sich selbst zu tun hat, ’selbst‘ hier gemeint als das Wahrnehmbare. Die eigene Erfahrung, die eigene Rückkehr, die eigene Enträtselung.

Friederike Mayröcker

Oktober


qualvoll hingehauchte Schleier
herbstvollkommen ruht die Welt
Laubblut sickert ins Gemäuer
Tod ist’s der das Leben stellt

Wehe Erde Nebelbäume
knorrig stülpt der Axt sich auf
sommerlich verbuhlte Träume
Mond um Mond nimmt seinen Lauf

3.Oktober 2026

Es ist schon ziemlich anspruchsvoll, sich (vor allem dieses Jahr) dem Tag der deutschen Einheit gegenübersitzen oder stehen zu sehen. Ich bin in Berlin geboren und war dann woanders in der Welt, bin aber, als die Mauer fiel, dort mit einem Freund angereist. Ich erinnere mich an Schusslöcher in den Gebäuden und an ein unbestimmtes Frösteln all dem gegenüber, was wir zu verstehen versuchten. Leider kann man das Verstehenwollen nicht einfach lassen, auch wenn man unabhängig bleiben muss von den Resultaten. Da ist wohl auf beiden Seiten ein Teil des Kernes übriggeblieben und hat auf verschiedene Art und Weise Schicksal erfahren. Eine erfundene Gottheit könnte sich ein Übungsfeld ausgedacht haben, indem sie vom scheinbar Gleichen es in zwei vollkommen unterschiedliche Verhaltenswege münden ließ, die sich irgendwann so sehr entfremdeten, dass eine Anfeindung in Gang trat. Gemeinsam Menschliches wird nicht mehr zugelassen. Dabei tragen beide Seiten das Geheimnis ihrer Heilung in sich, denn weder macht sehr viel Materialanhäufung glücklich, noch kann man bestreiten, dass es im oft berechtigt klagenden Teil viel Nähe und notwendiges Vertrauen in den Anderen gab. Das wurde dann gnadenlos erschüttert, der Unmut blieb. Der anderen Seite ging es aber auch nicht so gut, sie glänzte nur mehr als Fassade. Aber hier brachen Krankheiten aus, die vorher noch keiner kannte, die Allergien gegen das Leben selbst nahmen zu. Denn was tut ein Mensch, wenn ihn oder sie die Herausforderungen des Spielfeldes nicht mehr anregen? Auch der Tod, beziehungsweise die Selbstzerfleischung ist keine Lösung. Und vielleicht geht es gar nicht um eine Lösung, sondern um so etwas wie einen Willen zum Menschsein, also zurück zu der Frage, was für ein Mensch ich sein will, und was ich davon schon kann. (Und dass wir uns eines Tages nicht eingestehen müssen, dass es die Maschinen doch besser können als wir). Menschsein als gescheitertes oder als gelungenes Experiment?

überwältigt

Man könnte es auch das ‚Zeitalter der Überwältigung‘ nennen, oder ist die Überwältigung schleichend eingetreten und hat wie eine Welle langsam alle erfasst, die Frauen, die Männer, die Kinder. Das ist kaum noch ein Staunen, auch noch nicht ganz Gewalt, aber es kann jederzeit kippen, um entweder ganz schön oder ganz schrecklich zu werden. Das eher zurückhaltende Glück soll ja diese Gabe haben. Man sitzt irgendwo und bemerkt, dass es auf einmal bei einem ist. Glück ist nur ein anderes Wort für Beisichsein. Ist man mal tatsächlich bei sich, lässt das mit der Überwältigung nach. Um gute Entscheidungen zu treffen, muss ich ein gewisses Wertemaß zur Verfügung haben, auf das ich zugreifen kann. Auch, um mich Zugriff und Angriff zu entziehen, nicht gewaltsam, nein, vielleicht wie ein Schattentanz. Bis der Geist genug geschult ist, um ohne Schatten zu tanzen. Das muss noch praktiziert werden, oder aber es gibt diese Übung gar nicht.

Herbst (*)

Wie, schon (wieder) Herbst?

*Herbstblatt auf Shaun Tan’s Graphic Novel Cover
Photo und UT Kalima Vogt